Das Jahrhundertmagazin

Editorial

Am liebsten würden wir ihn verdrängen, so wie negative Gefühle und unliebsame Erinnerungen: Den Müll, den jede und jeder von uns produziert, jeden Tag, ein Leben lang. Wir werfen den Sack in den Container, geben das alte Handy zum Recycling, lassen Dinge abholen, verbrennen, verschiffen oder vergraben.

Doch wie in der Psychologie gilt auch hier: Das Verdrängte verschwindet nicht. Es kehrt zurück. Als Mikroplastik in unseren Körpern. Als Elektroschrott in Ghana. Als Munition, die Jahrzehnte später an die Ostseeküste gespült wird. Oder als gewaltiger Müllberg in einer Verbrennungsanlage, der sichtbar macht, was wir im Alltag erfolgreich ausblenden: die schiere Masse unserer Hinterlassenschaften.

In dieser Ausgabe spüren wir den Wegen des Mülls nach. Wir wollen wissen, was geschieht, nachdem etwas für uns seinen Wert verloren hat. Wohin verschwindet unser Abfall? Wer lebt von ihm? Wer trägt die Risiken, die der Müll mit sich bringt? Und lässt sich aus ihm vielleicht doch noch etwas Wertvolles herausholen?

Vieles, was gestern noch als Abfall betrachtet wurde, gilt heute als Ressource. Sei es Elektroschrott oder Atommüll: Die Idee des Recyclings ist ebenso bestechend wie naheliegend. Rohstoffe sollen möglichst lange im Kreislauf bleiben und immer wieder genutzt werden.

Die Geschichten in diesem Magazin zeigen jedoch: Wunder gibt es nicht. Recycling kann die Lebensdauer von Materialien verlängern, Rohstoffe können zurückgewonnen und Abfallmengen reduziert werden. Aber: Jeder Stoffkreislauf hat seine eigenen Herausforderungen und jeder hinterlässt einen Rest.

Das gilt ganz besonders für Atommüll. Neue Reaktorkonzepte und Verfahren zur Wiederaufarbeitung sind faszinierend und verdienen eine ernsthafte Diskussion. Sie könnten künftig einen wichtigen Beitrag leisten. Doch selbst wenn die kühnsten technologischen Versprechen Realität werden, bleibt hochradioaktiver Abfall zurück. Ein Tiefenlager ist deshalb keine Alternative zum Recycling, sondern eine notwendige Absicherung.

Müll ist nicht einfach das, was wir wegwerfen. Müll ist das, was übrig bleibt. Und von unserer Verantwortung für das Übriggebliebene erzählt dieses Heft.

Patrick Studer, Leiter Kommunikation Nagra